Nur für Mama

Nadine Hilmar ist Familienbegleiterin und Kursleiterin, Montessori Pädagogin und Pikler Pädagogin i.A. Auf ihrer Webseite www.buntraum.at. beschäftigt sie sich mit Themen wie Achtsamkeit und beschreibt ihren abwechslungsreichen Alltag mit ihren drei Kindern. Außerdem ist ist Autorin des wunderbaren Buches "Hand in Hand - Wie Geschwisterliebe wachsen kann". Das Buch gibt einen sehr guten Überblick über Fragestellungen für werdende Mehrfachmamas ebenso wie Wissenswertes für Eltern mehrerer Kinder. Ein ganz herzlicher Lesetipp! <3 

 

Wir haben mit Nadine gesprochen und sie gefragt wie das so mit Geschwistern ist, was man tun kann wenn sich Geschwister in die Haare kriegen und wie man am besten als Elternteil darauf reagiert oder eingreift. 

Babymamas: Wie alt sind deine drei Kinder?

Nadine: Der Große ist 8,5 Jahre alt, die Mittlere 5,5 und der Kleinste 2,5 Jahre alt. 

Man kann es ja nicht immer planen. Aber was ist nun rückblickend aus deiner Erfahrung der ideale Altersabstand?

Wir haben uns beim ersten Kind bewusst für ungefähr 3 Jahre entschieden. Das hat auch ganz gut geklappt und es ist ein wunderbarer Abstand. Weit genug, dass das „große Kind“ bei der Geburt schon einigermaßen selbständig ist, aber klein genug, dass sie immernoch gut miteinander spielen können und zusammen finden. Das dritte Kind kam ungeplant ebenfalls ziemlich genau 3 Jahre nach dem zweiten Kind und wieder hat sich gezeigt, dass das ein schöner Abstand ist. Viele wählen einen kleineren Abstand, damit die Kinder gut miteinander spielen können, aber ich denke dass geht so auch gut. Und letztendlich hatten mein Bruder und ich einen Abstand von 5 Jahren und eine wundervolle Beziehung, es kommt eben immer auch auf die Kinder und die Begleitung von uns Eltern an, wie gut sie miteinander auskommen.  

Es ist sicher nicht leicht für ein Kleinkind ein Geschwisterchen zu bekommen. Wie kann man das Erstgeborene auf das Baby-Geschwisterchen vorbereiten?

Das kommt wirklich total auf das Kind an und auch auf das Alter. Manche Kinder sind da ganz involviert und wollen alles wissen, bringen sich ein in die Vorbereitungen, wollen eine Puppe und „ihr eigenes Baby“. Andere Kinder sind da skeptisch, können mit der Vorstellung gar nichts anfangen, sind zurückhaltend. Wichtig ist, denke ich, dass man beobachtet, wie das Kind auf die Schwangerschaft und das Geschwisterchen im Bauch reagiert und darauf eingeht. In jedem Fall würde ich das größere Kind beim Nestbau, also wenn alle Sachen und Dinge, die ihm vielleicht schon gehört haben, hergerichtet werden, mit einbeziehen. Ihm zeigen, welche Dinge das Baby nun braucht und auch fragen, ob es okay ist, dass es diese und jene Sachen jetzt bekommt. Das können schöne gemeinsame Erinnerungsmomente werden im Sinne von „Das hast du damals oft angehabt.“ oder „Damit hast du gern gespielt“.  Und es gibt dem Kind die Möglichkeit ein wenig mitzureden. Wenn es sagt: „Nein, das ist meins.“ Dann kann ich ihm die Dinge erst einmal lassen, so wird es später vermutlich eher bereit sein, solche Sachen weiterzugeben. Weil es das Gefühl hat miteinbezogen zu sein. 

Wichtig ist auch klar mit dem Kind darüber zu reden, was sein wird, wenn das Baby kommt. Wer für das Kind da sein wird, welche eventuellen Geburtsszenarien es gibt. Ich habe das meinem Sohn eines Abends gesagt und genau an diesem Abend setzten die Wehen ein. Ich war heilfroh, denn er hätte sich sonst überhaupt nicht ausgekannt. Manchmal geht es eben schneller, als geplant. Und wenn das Baby dann da ist und die erste Begegnung der Geschwister stattfindet, ist es sinnvoll, keine Erwartungen zu haben und nichts in diese Begegnung hineinzuinterpretieren. 

Als Mehrfachmama kenne ich die Situation, wo das ältere Kind das Baby haut. Mein Sohn hatte nachdem sein kleiner Bruder schon fast ein Jahr als war so eine Phase, wo er ihn ständig gehaut hat. Wie reagiert man als Elternteil hier „richtig“?

Wichtig ist zu sehen: Das Hauen an sich ist selten direkt gegen das Geschwisterkind gerichtet. Es ist eher ein Ausagieren von Emotionen, die das Kind anders noch nicht ausdrücken kann. Also hilft es zu schauen: Welche Emotionen könnten das sein? Jeder große Entwicklungssschritt des kleineren Geschwisterchens bringt oft eine neue Welle an Emotionen auch im großen Kind mit sich, weil es sich wieder auf Neues einstellen muss. Plötzlich krabbelt das Baby und wird gefährlich, plötzlich geht es und kommt in andere Bereiche. Es wehrt sich vermehrt, es nimmt mehr und mehr Kontakt auf. Es ist immer mehr präsent und behauptet auch seinen Platz. 

Konkret im Fall des Hauens ist ganz klar wichtig, das kleine Kind zu beschützen bzw. dazwischenzugehen und zu sagen: „Ich lasse nicht zu, dass du deine Schwester haust.“ Also nicht von der Ferne rufen „Hör auf!“ oder so etwas, sondern klar auf Augenhöhe gehen, das Kind stoppen und sagen „Ich sehe, Du bist verärgert, weil ich jetzt kochen muss und keine Zeit für Dich habe. Hauen ist nicht okay.“ Wenn Kinder in diesem Handeln auf der emotionalen Ebene gesehen werden, können sie eher damit aufhören, als wenn wir sie beschimpfend auffordern das zu lassen. Dazu gibt es auch ein paar Beschreibungen im Buch. Denn dieses „Hinter die Handlung schauen“ und sehen, was das Kind eigentlich sagt, muss man auch erst einmal lernen. Vor allem im oft anstrengenden Alltag mit zwei oder mehreren Kindern.  

Darüber könnte man wahrscheinlich Romane schreiben: Die Kinder streiten. Was soll Mama/Papa tun? Ab wann soll man eingreifen? Wie soll man reagieren? 

Das ist natürlich ganz individuell und unterschiedlich. In erster Linie würde ich jeden Streit erst einmal beobachten. Streit ist wichtig und gehört dazu. Und viele kleine Streitigkeiten lösen die Kinder allein besser, wenn wir nicht allzu schnell - oft ja auch weil wir selbst genervt sind - eingreifen.

Wenn die Kinder wirklich schreien oder weinen, wenn sie grob werden oder man merkt, dass es jetzt ausufern könnte, dann kann man sich einbringen und fragen „Braucht Ihr Hilfe?“. Gerade wenn die Kinder beginnen sich zu hauen oder anderweitig weh zu tun, ist eine Grenze erreicht, wo man einschreiten sollte. Und dann ist es ganz wichtig, dass man neutral bleibt, auch wenn man ahnt oder weiß, wer womit angefangen hat oder was der Auslöser war. Dass man beiden (oder allen) Seiten Gehör schenkt ohne gleich zu verurteilen. Dieses Nichtbewerten und Nichtschimpfen ist dabei die wohl größte Herausforderung, hilft aber den Kindern am meisten und unterstützt sie dabei ihre Konflikte auch gut selbst zu lösen. Ich würde auch keine Lösungsvorschläge bringen im Sinne von „Könnt Ihr Euch nicht abwechseln?“ sondern die Kinder fragen: „Wir haben nur das eine davon. Wie können wir das lösen?“ Da haben Kinder manchmal ganz andere Ideen als wir, sind sich damit aber schnell einig. Das stärkt sie in ihrem Geschwister-Wir. Im Buch habe ich dazu einige Beispiele angeführt und bin auf verschieden Arten von Streitereien eingegangen. 

Zum Abschluss noch ein paar Tipps von dir. Wie schaffst du es im Alltag mit drei kleinen Kindern ruhig und gelassen zu bleiben? 

Natürlich bin auch ich nicht immer gelassen. Wichtig ist einfach, dass man seine eigenen Kraftquellen kennt und zu ihnen zurück kehrt. Ich bestehe darauf, allein duschen oder aufs Klo zu gehen. Ich will meinen Kaffee trinken können, ohne Kind am Schoß. Ich habe - auch dank eines MBSR Kurses und meiner Meditationspraxis meine Grenzen sehr gut kennengelernt und nehme sie bewusst wahr. Ich reagiere auf die Kinder oft, bevor mir der Knoten platzt. Das ist wichtig. Natürlich gelingt mir das nicht immer. Aber auch das ist wichtig. Denn es zeigt den Kindern: Die Mama ist auch nur ein Mensch. 

Danke für das Gespräch!

 

Lesetipp: "Hand in Hand: Wie Geschwisterliebe wachsen kann" - Nadine Hilmar

Die Neuauflage von Nadine´s Geschwisterbuch ist da. Mit überarbeiteten Inhalten, noch mehr Inputs und Beispielen und in jedem Kapitel Übungen zur Reflexion. 144 Seiten gebündelte Geschwisterliebe. Erhältlich in der Buchhandlung deines Vertrauens oder online

 

Eine Leseprobe kannst du direkt auf der Buntraum-Website herunterladen.

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