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Aus eigener Erfahrung weiß man, mit Geschwistern aufzuwachsen oder nicht macht einen Unterschied. Viele Eltern beschäftigen sich schon früh mit der Frage, wollen wir nur ein Kind haben? Braucht es Geschwister, um Kindern ein gutes, soziales Aufwachsen zu ermöglichen? Was ist dran am Mythos „egoistische Einzelkinder“? Oder haben „Einzelkinder“ vielleicht sogar Vorteile, weil sie Mamas und Papas ungeteilte Aufmerksamkeit genießen?

Zuerst muss aus entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten festgehalten werden, dass es gut untersuchte Faktoren gibt, die neben der genetischen Ausstattung, einen wichtigen Einfluss auf die soziale und kognitive Entwicklung von Kindern haben. Das sind vor allem die Bindungssicherheit zwischen Eltern und Kind, die materiellen und emotionalen Ressourcen der Familie und auch, dass das Kind sicher und ohne schwere traumatische Erfahrungen aufwächst. Sind hier gute Startbedingungen gegeben, ist das die beste Voraussetzung für eine gesunde, glückliche Kindheit. Darüber hinaus spielt auch der Platz im familiären System eine wichtige Rolle. Ist ein Kind das erste oder einzige Enkelkind einer Generation oder gibt es viele Geschwister, Cousinen und Cousins und es kommt nur ein weiteres Kind dazu. Bereits das kann die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes beeinflussen.

Gastbeitrag Geschwister Einzelkind Gegenueberstellung(c) Getty Images

Historisch gesehen

Früher galt die Überzeugung, dass Einzelkinder im Nachteil seien. Aber woher stammt die Annahme, dass Kinder ohne Geschwister sich weniger gut entwickeln? Viele der Vorurteile, die sich gegenüber Einzelkindern so hartnäckig halten, haben ihren Ursprung im Krieg und den Nachkriegszeiten, als ein ganz anderes Familienmodell als heute die Regel war. Damals war in einer „normalen“ Familie eine Kinderanzahl von drei, vier und mehr als Ideal angesehen. Frauen, die nur ein Kind bekamen, hatten ihre Männer oft frühzeitig verloren oder die Kinder waren unehelich. Die Familien waren meist in einer schlechten wirtschaftlichen Lagge oder waren sozial ausgegrenzt. So gesehen hatten die Einzelkinder aus dieser Zeit tatsächlich Nachteile, die sich negativ auf deren Entwicklung auswirkten.

In den 1980er und 90er Jahren, nach dem bekannten „Pillenknick“ in der Geburtenrate, ist ein anderes Familienmodell in den Vordergrund gerückt. Frauen konnten nun besser entscheiden, wie viele Kinder sie bekommen möchten und zu welchem Zeitpunkt. Familien wurden kleiner, das Wohlbefinden der Kinder und der ganzen Familie war wichtiger als eine große Anzahl an Kindern geworden. Zwei bis drei Kinder waren das neue normal.

Heute stellen sich Paare meist länger die Frage, ob sie überhaupt Kinder bekommen möchten und wann dafür der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Längere Ausbildungszeiten, Karriereplanung und auch die weltpolitische Situation führen dazu, dass Familien später und deshalb auch häufiger nur ein Kind bekommen. Auch sind Überlegungen zur eigenen Lebenszufriedenheit oft Ausgangspunkt für eine ganz bewusste Entscheidung für die Ein-Kind-Familie, wenn diese besser zur eigenen Lebensplanung passt.

Auch die Lebensgestaltung der Kinder hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Waren Kinder früher neben der begrenzten Zeit in der Schule vor allem im Familienverband zusammen, sind heute Krabbelgruppen, Tagesmütter, Kindergärten und später Nachmittagsbetreuung und -kurse eher die Regel als die Ausnahmen. Unabhängig von der Geschwistersituation haben Kinder also ausreichend Möglichkeiten mit anderen Kindern zusammen zu spielen und zu lernen.

Entwicklungsunterschiede?

Inwiefern entwickeln sich also heute Kinder mit Geschwistern in sozialer oder kognitiver Hinsicht anders als solche ohne? Einige bekannte Studien sind dieser Frage nachgegangen. Schon vorweg, es gibt keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen der Intelligenz oder den sozialen Fähigkeiten, wenn man in großangelegten Studien Einzelkindern mit Geschwisterkindern vergleicht. Einige Tendenzen konnten ausgemacht werden.

So scheint die Eltern-Kind Bindung etwas stärker zu sein bei Einzelkindern und auch deren Fähigkeiten im Bereich der kreativen Intelligenz scheint etwas höher ausgeprägt. Kinder mit Geschwisterkindern haben demgegenüber oft tendenziell höhere Werte in sozialer Verträglichkeit und im Konfliktmanagement.

Eine große britische Untersuchung aus dem Jahr 2023 bestätigt, dass Einzelkinder in ihrer kognitiven Entwicklung keineswegs benachteiligt sind. Sie erzielten ähnliche Ergebnisse wie Kinder aus Mehr-Kind-Familien. Unterschiede zwischen den Familien ließen sich teilweise durch deren soziale und wirtschaftliche Lebensbedingungen erklären. Ob ein Kind Geschwister hat, sagt also für sich genommen noch wenig über seine intellektuelle Entwicklung aus.

Gastbeitrag Geschwister Einzelkind Tutoren Effekt(c) Getty Images

In manchen Studien konnte bei Erstgeborenen Geschwistern ein Vorsprung in der Intelligenz gefunden werden. Dies wird über den sogenannten „Tutoren-Effekt“ erklärt. Erstgeborenen fällt häufig die Aufgabe zu jüngeren Geschwistern etwas zu zeigen oder zu vermitteln. Das scheint die Intelligenzleistung tatsächlich zu fördern. Wobei auch mitbedacht werden sollte, dass „Intelligenz“ über standardisierte Tests gemessen wird und das oft nicht unserer Alltagserfahrungen mit intelligentem Verhalten von Kindern entspricht. Augenscheinlich wirken jüngere Geschwister oft schneller in ihrer Entwicklung. Da ist aber meist viel Nachahmungsverhalten dabei und darauf kann in den Testsituationen nicht zurückgegriffen werden.

Geschwister und Empathie

Die häufig gestellte Frage nach der Empathieentwicklung bei Kindern ohne Geschwister ist weniger einfach zu beantworten. In den Bereichen der Empathie, die Tests messen können, geht es vor allem um den kognitiven Anteil der Empathie, z. B. in den Tests zur Theory of Mind - also Tests, ob das Kind eine andere Perspektive, einen anderen Blickwinkel verstehen kann. Da schneiden Einzelkinder nicht schlechter ab als Geschwisterkinder. Die emotionalen Anteile vom Empathie-Geschehen, das Mitspüren, das Mitgefühl, sind nicht einfach durch Punkte in einem Test abbildbar. Beobachtungen zeigen, dass es da weniger darauf ankommt, ob Kinder biologische Geschwister haben, als darauf, dass sie ausreichend Kontakt zu anderen Kindern haben. Wichtig scheint hier auch Erwachsene um sich haben, die das Mitfühlen und das Verbalisieren von Gefühlen vorleben, die sich selbst authentisch in ihren Gefühlen zeigen. Auch Konflikte und Grenzsituationen mit Kindern gut auszuhalten, da zu seien und zu bleiben, auch wenn sich schwierige Gefühle melden, unterstützt eine gesunde emotionale Entwicklung.

Geschwister können eine wunderbare Ressource sein, um Empathie Fähigkeit auszubauen, müssen es aber nicht. Es kommt nicht nur auf das Vorhandensein von Geschwistern an, sondern auch auf die Beziehungsqualität. Geschwister können als Verbündete oder als Konkurrenten wahrgenommen werden, man kann von ihnen lernen, sie trösten, sich streiten und versöhnen. Dabei spielt der elterliche Blick auf die Kinder oft die entscheidende Rolle. Eine liebevolle Atmosphäre in der Familie und eine Grundhaltung von „alle Gefühle sind ok und dürfen sein“, sowohl bei den großen als auch bei den kleinen Familienmitgliedern, sind bei emotionaler Entwicklung von Kindern viel entscheidender, als die Anzahl der Familienmitglieder.

Gastbeitrag Geschwister Einzelkind(c) Getty Images

Aber ein paar Unterschiede gibt es doch

Auch wenn es entwicklungspsychologisch keine Nachteile hat keine Geschwister zu haben, gibt es doch einige ganz besondere Erfahrungen, die nur Geschwister machen dürfen, die sie sicherlich prägen:

  • die Erfahrung gemeinsame Eltern zu haben, als Kinder und dann auch wenn die Eltern alt werden.

  • Geschwisterbeziehungen sind in der Regel die längsten Beziehungen des Lebens.

  • Geschwister sind oft vertrauter und verbundener miteinander als enge Freunde. Das wirkt sich oft die Beziehung- und Bindungsfähigkeit im späteren Leben aus.

  • Geschwister erleben oft eine spezielle Form von körperlicher Nähe, sich körperlich messen, rangeln, etc., die Kindern ohne Eltern fehlen können (außer sie wachsen mit anderen Kindern ähnlich eng auf)

  • Geschwister können sich streiten, können eifersüchtig sein oder kämpfen und sich trotzdem nicht „trennen“. Das kann Konfliktlöse-Kompetenzen stärken.

Um als Eltern verlässliche, liebevolle Bindungspartner zu sein, brauchen wir Großen einen Lebensentwurf und ein Familienmodell, in dem wir uns wohl fühlen und das zu uns passt, egal ob mit einem oder fünf Kindern, in einer klassischen oder alternativen Familienkonstellation. Kinder sollen sich willkommen und genug fühlen. Wir stärken sie, indem wir unsere Lebensentscheidungen reflektieren und anerkennen.


Über die Autorin

Mag. Maria Asenbaum ist Psychologin und Psychotherapeutin (systemische Familientherapie). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Psychotherapie in Peripartalzeit, Paar- und Familientherapie, Therapie bei Belastungsstörungen, Depression und Angst.

www.psychotherapie-asenbaum.at

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