Schön & Praktisch
Du bist nicht allein
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Es gibt diesen schönen Satz: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Viele Eltern schaffen unglaublich viel, selbst dann, wenn sie kaum Unterstützung haben. Sie organisieren, improvisieren, halten durch und wachsen dabei oft über sich hinaus. Gleichzeitig kann es enorm entlastend sein, Menschen an seiner Seite zu wissen, die mitdenken, mittragen und im richtigen Moment einfach mit anpacken.
Wir haben Sandra Teml-Wall gefragt, warum es manchmal so schwerfällt, um Hilfe zu bitten, was sich in der Beziehung zu den eigenen Eltern verändert, wenn wir selbst Kinder bekommen, und wie es gelingen kann, als erwachsener Mensch seinen eigenen Platz in der Familie einzunehmen.
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Sind wir Eltern dazu gemacht, alles allein zu schaffen?
Eltern sind zu unglaublich viel fähig. Das sehe ich seit vielen Jahren in meiner Arbeit. Sie werden erfinderisch, entwickeln ungeahnte Kräfte und finden Lösungen, die sie sich vorher selbst kaum zugetraut hätten. Aber ich frage mich: Warum sollten sie das alles alleine schaffen müssen?
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen andere Menschen, wir brauchen Austausch, Unterstützung und das Gefühl, dazuzugehören. Das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene. Soziale Medien und das Internet sind für viele Eltern zu einer Art Dorfplatz geworden. Dort werden Erfahrungen ausgetauscht, Fragen gestellt, Sorgen geteilt und Kontakte geknüpft. Das kann wunderbar sein. Was allerdings oft fehlt, ist eine weitere helfende Hand, die ganz real zupackt, ein offenes Ohr, jemand, der mit dem Kind auf den Spielplatz geht, damit man einmal in Ruhe duschen kann, oder ein Mensch, der einen in den Arm nimmt, wenn gerade alles zu viel ist.
Und manchmal braucht es überhaupt keine Ratschläge. Da wäre schon viel gewonnen, wenn jemand fragt: „Was würde dir denn gerade helfen?“
Warum fällt es uns manchmal so schwer, im echten Leben um Hilfe zu bitten?
Das hat viel mit unseren Beziehungserfahrungen zu tun. Welche Erfahrungen habe ich gemacht, wenn ich etwas gebraucht habe? War jemand da? Durfte ich bedürftig sein? Oder habe ich gelernt, dass ich anderen zur Last falle, dass ich mich zusammenreißen muss oder dass mir später vorgehalten wird, was jemand alles für mich getan hat? Hilfe anzunehmen bedeutet auch, sich zu zeigen. Ich mache sichtbar, dass ich etwas brauche, und muss damit umgehen können, dass der andere vielleicht keine Zeit hat, keine Lust oder schlicht Nein sagt.
Manche Menschen ersparen sich diese mögliche Enttäuschung, indem sie lieber gleich alles selbst erledigen. Sie sind unglaublich tüchtig geworden und haben dabei möglicherweise gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse kaum noch wahrzunehmen. Unter Erwachsenen gehört für mich auch dazu, dass beide frei entscheiden dürfen. Ich darf fragen und du darfst Nein sagen. Ich darf mich über deine Hilfe freuen und dir danken, ohne daraus gleich eine Schuld ableiten zu müssen. Und ich darf dir auch einmal helfen, ohne dafür etwas zurückzuerwarten.
Du meinst, dass Eltern manchmal eine Gegenleistung erwarten? Liebe als Gegengeschäft?
Ja, und das kann weitreichende Folgen haben. Ich höre immer wieder von erwachsenen Menschen, denen ihre Eltern irgendwann vorgerechnet haben, wie viel Geld, Zeit und Mühe sie in sie investiert haben. Als wären Kinder ihren Eltern für ihre Kindheit etwas schuldig.Was macht das mit einem Menschen, wenn er immer wieder hört, was andere seinetwegen alles auf sich genommen haben? Wenn er das Gefühl bekommt, für das Wohlergehen seiner Eltern verantwortlich zu sein?
Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene für sie sorgen. Diese Fürsorge ist keine Rechnung, die irgendwann beglichen werden muss. Natürlich dürfen Eltern Bedürfnisse haben, Wünsche äußern und ihre erwachsenen Kinder auch um Unterstützung bitten. Entscheidend ist, ob daraus eine Verpflichtung gemacht wird und welche Freiheit das erwachsene Kind hat, selbst zu entscheiden.
Ich mag den Gedanken, dass Liebe und Fürsorge weitergegeben werden. Dass Menschen, die selbst erfahren haben, wie gut es tut, gehalten und unterstützt zu werden, auch anderen Menschen mit dieser Haltung begegnen können. Vielleicht den eigenen Kindern, vielleicht anderen Menschen. Dafür braucht es keine Gegenrechnung.
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Um Hilfe fragen wir ja häufig die eigenen Eltern. Wie verändert sich die Beziehung zu ihnen, wenn wir selbst ein Baby bekommen?
Da kommt oft einiges in Bewegung! Die eigenen Eltern werden plötzlich Großeltern. Ein neuer Mensch ist da, und mit ihm verändern sich die Beziehungen zwischen allen Beteiligten. Die Großeltern wollen vielleicht mehr Kontakt, möchten helfen, sich einbringen und an diesem neuen Leben teilhaben. Das kann eine große Bereicherung sein.
Gleichzeitig erleben manche frischgebackenen Eltern etwas sehr Interessantes: Sie beobachten, wie die Großeltern mit ihrem Baby umgehen, und erkennen darin plötzlich ihre eigene Kindheit wieder. Da fallen Sätze wie: „Trag sie doch nicht immer herum! Du verwöhnst sie! Warum schreit sie denn so viel? Das war bei dir nie so! Leg sie doch einmal ab! Gib ihr einen Schnuller!“
Manchmal braucht es gar keine Worte. Ein kritischer Blick, ein Seufzen oder hochgezogene Augenbrauen reichen aus, und schon sitzt man gefühlt wieder als kleines Kind vor seinen Eltern und fragt sich, ob man etwas falsch macht. Das ist eine spannende und mitunter schmerzhafte Erfahrung. Denn jetzt geht es darum, sich gegenüber den eigenen Eltern neu zu positionieren. Ich bin erwachsen, ich bin selbst Mutter oder Vater, ich treffe Entscheidungen und muss damit leben, dass meine Eltern manches anders sehen.
In meiner Arbeit nenne ich diesen Entwicklungsprozess auch Entelterung. Wir lernen, unseren Eltern als die erwachsenen Menschen zu begegnen, die wir heute sind, und uns dabei immer weniger von alten Ängsten, Erwartungen und Anpassungsmustern leiten zu lassen. Inzwischen bin ich selbst Großmutter und erlebe diese neue Familienkonstellation auch aus der anderen Perspektive. Ich weiß, wie groß die Freude über ein Enkelkind sein kann. Und ich weiß, dass auch Großeltern ihren Platz erst finden müssen. Sie dürfen ihre Erfahrungen und ihre Sichtweisen haben. Gleichzeitig gestalten die Eltern das Leben mit ihrem Kind und tragen dafür die Verantwortung.
Aber was soll man tun, wenn sich die Großeltern zu sehr einmischen und unsere Grenzen nicht respektieren?
Das ist ein Prozess, und manchmal ein ziemlich herausfordernder. Zunächst muss ich überhaupt bemerken, was da gerade in mir passiert. Warum ärgert mich dieser Satz meiner Mutter so sehr? Warum traue ich mich nicht, meinem Vater zu widersprechen? Warum beginne ich mich sofort zu rechtfertigen, obwohl ich längst erwachsen bin?
Dann geht es darum, Worte für die eigene Position zu finden und diese auch auszusprechen. „Mama, ich weiß, dass du das anders gemacht hast. Wir haben uns entschieden, es so zu machen.“ Oder: „Papa, ich verstehe, dass du dir Sorgen machst. Ich sehe das anders.“Und dann kommt häufig der schwierigste Teil: auszuhalten, dass die Eltern möglicherweise enttäuscht, verärgert oder gekränkt reagieren. Denn wenn wir uns anders verhalten als bisher, verändert das auch die Beziehung.
Wir können unseren Eltern sagen, was wir möchten, was wir brauchen und was wir nicht mehr mitmachen werden. Was sie davon halten, bleibt ihnen überlassen. Und genauso dürfen auch Großeltern eigene Grenzen haben. Eine Beziehung zwischen Erwachsenen braucht Platz für unterschiedliche Meinungen, Wünsche und Entscheidungen.
Ich finde, wir unterschätzen oft, was in einer Familie möglich wird, wenn Menschen beginnen, sich wirklich zu zeigen. Wenn sie aufhören, einander ständig schonen, überzeugen oder verändern zu wollen, und lernen, mit ihren Unterschieden umzugehen. Konflikte sind in Familien eingebaut. Sie entstehen unter anderem dort, wo Menschen unterschiedliche Bedürfnisse, Vorstellungen und Grenzen haben. Wie wir mit diesen Konflikten umgehen, entscheidet mit darüber, wie sich unsere Beziehungen weiterentwickeln. Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Erfahrungen, die wir auch unseren Kindern ermöglichen können: Dass wir miteinander verbunden bleiben können, selbst wenn wir unterschiedlich denken, fühlen und entscheiden.
Über die Autorin
(c) Theresa Heiser-Pewal 2025
Sandra Teml-Wall ist Pädagogin, psychologische Beraterin, Einzel- und Paarcoach sowie Eltern- und Familienberaterin. Seit vielen Jahren begleitet sie Menschen in ihrer Wiener Praxis, der Wertschätzungszone, dabei, sich selbst und ihre Beziehungen besser zu verstehen und ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. www.wertschaetzungszone.at
Gemeinsam mit Jeannine Mik schrieb sie die SPIEGEL-Bestseller „Mama, nicht schreien!“ und „Keine Angst, Mama!“. Mit ihrem Mann Martin veröffentlichte sie 2023 das Buch „Ent-Eltert euch! Wie wir die emotionale Abhängigkeit von unseren Eltern überwinden und endlich uns selbst leben“.
Auf ihrem Instagram-Kanal @wertschaetzungszone zeigt Sandra mit humorvollen und augenzwinkernden Reels aus dem Familienalltag, wie sich differenzierungsbasiertes & beziehungsorientiertes Leben im Alltag gestalten lässt. Sie greift vertraute Situationen aus Elternschaft und Paarbeziehungen auf, in denen wir uns selbst wiedererkennen können, und lädt mit einer guten Portion Humor dazu ein, auf unsere eigenen Reaktionen und Beziehungsmuster zu schauen.
Sandra ist Mutter von drei erwachsenen Kindern, Bonusmutter von zwei erwachsenen Töchtern und inzwischen auch Großmutter. Sie lebt mit ihrem Mann Martin in einer Patchworkfamilie. Der emotionale Klimawandel in Familien liegt ihr seit vielen Jahren am Herzen. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich besonders mit Differenzierung: Wie können wir uns in emotional bedeutsamen Beziehungen als eigenständige Menschen zeigen, Verantwortung für uns selbst übernehmen und gleichzeitig in Verbindung bleiben?









