Schön & Praktisch
"Kulturschock" in Erziehung und Elternschaft
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Wenn zwei Menschen eine Familie gründen, bringen sie ihre eigenen Werte, Vorstellungen und Erfahrungen mit. Jeder hat eine Geschichte, eine Herkunftsfamilie und eine Vorstellung davon, wie Familie funktioniert. Solange man zu zweit ist, fallen manche Unterschiede kaum auf. Doch spätestens mit dem ersten Kind können zwei Welten aufeinanderprallen. Wie soll unser Kind schlafen? Wie gehen wir mit Wut um? Was bedeutet liebevolle Erziehung? Und wie viel Freiheit braucht ein Kind?
Plötzlich stehen Fragen im Raum, über die man vorher vielleicht noch nie gesprochen hat. Und der Mensch, mit dem man sich ein gemeinsames Leben gewünscht hat, erscheint einem in manchen
Momenten vollkommen fremd. Sandra Teml-Wall von der Wertschätzungszone spricht in diesem Zusammenhang gerne von einem „Kulturschock“ in der Paarbeziehung. Wir haben sie gefragt, wie Eltern mit diesen Unterschieden umgehen können und was es braucht, damit aus gegensätzlichen Vorstellungen ein gemeinsamer Weg entstehen kann.
(c) Getty Images
Kann es in einer Beziehung tatsächlich zu einem „Kulturschock“ kommen?
Ja, und ich finde dieses Bild ausgesprochen passend! Der Begriff Kulturschock beschreibt ursprünglich die Erfahrung, in einer fremden Kultur mit anderen Werten, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten konfrontiert zu werden.
Es gibt dazu ein Modell mit vier Phasen: die Honeymoon-Phase, die Krise, die Erholung und die Anpassung.
Ich spreche gerne von einem Kulturschock in der Paarbeziehung, wenn zwei Menschen zum ersten Mal gemeinsam Eltern werden. In der Honeymoon-Phase sind wir von der Andersartigkeit unseres Gegenübers fasziniert. Wir begegnen einander neugierig und offen, finden vieles interessant, manches sogar besonders liebenswert. Und dann bekommen wir ein Kind. Auf der Bühne der Erziehung treffen nun zwei Menschen aus unterschiedlichen Familiensystemen und Sozialisationen aufeinander. Plötzlich werden Unterschiede sichtbar, die vorher kaum eine Rolle gespielt haben. Was dem einen selbstverständlich erscheint, kann beim anderen heftige Irritationen auslösen. Was für den einen liebevolle Begleitung bedeutet, empfindet der andere vielleicht als Verwöhnen. Was einer als notwendige Konsequenz versteht, erlebt der andere als Härte.
Wo vorher Neugierde war, machen sich nun Unverständnis, Frustration und mitunter auch Angst breit. Willkommen in der zweiten Phase des Kulturschocks! Jetzt beginnt für viele Paare ein Kampf um die richtige Erziehung. Jeder hat gute Gründe für seine Sichtweise, jeder glaubt zu wissen, was für das Kind am besten ist, und beide versuchen, den anderen davon zu überzeugen. Was in der klassischen Kulturschocktheorie Erholung und Anpassung heißt, würde ich für die Paarbeziehung lieber als einen Wachstumsprozess beschreiben. Denn jetzt sind beide gefordert, sich mit ihren eigenen Überzeugungen auseinanderzusetzen. Woher weiß ich eigentlich, dass meine Art die richtige ist? Welche Erfahrungen habe ich selbst gemacht? Welche Ängste werden in mir wach, wenn mein Partner oder meine Partnerin etwas anders macht? Und wie gehe ich damit um, wenn ich keinen Einfluss darauf habe, was der andere denkt, fühlt und entscheidet?
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Hier kommt die Differenzierung ins Spiel. Ich lerne, meine eigene Position zu kennen und zu vertreten, und entwickle die Fähigkeit, dem anderen seine eigene Position zuzugestehen. Ich kann mich mit einer anderen Sichtweise beschäftigen, ohne meine eigene aufgeben zu müssen. Und vielleicht entdecke ich dabei etwas, das ich bisher überhaupt noch nicht bedacht habe.
Was aber, wenn überhaupt kein Kompromiss in Sicht ist? Gerade in Fragen der Erziehung werden wir manchmal von uns selbst überrascht. Da haben wir vor der Geburt unseres Kindes noch großartige Vorstellungen davon gehabt, was wir alles tun oder auf keinen Fall tun werden. Und dann halten wir dieses kleine Wesen im Arm und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus. Was vorher ein absolutes No-Go war, wird auf einmal zum Must-have. Vielleicht war man sich noch während der Schwangerschaft einig, dass das Kind im eigenen Bett schlafen soll, und einige Wochen später ist das Familienbett für einen Elternteil die einzig vorstellbare Lösung. Oder man war überzeugt, dass Kinder klare Konsequenzen brauchen, und merkt nun, wie schwer es einem fällt, das eigene Kind weinen zu sehen. Solche Veränderungen können den anderen gehörig überraschen. Vor allem, wenn er an den ursprünglichen Vereinbarungen festhalten möchte.
Ich sage gerne: Ich kann mich leicht mit anderen Sitten anfreunden, ohne gleich die Staatsbürgerschaft annehmen zu müssen. Ich darf also von meinem Partner oder meiner Partnerin lernen. Ich darf etwas übernehmen, ausprobieren und meine Meinung ändern. Ich darf aber auch bei meiner eigenen Überzeugung bleiben.
Eine besondere Herausforderung besteht darin, die eigenen Ängste zu managen, wenn ich beobachte, wie mein Partner oder meine Partnerin mit unserem Kind umgeht. Ich erlebe häufig, dass ein Elternteil sehr schnell eingreift, wenn der andere etwas anders macht. Besonders dann, wenn einer von beiden den Großteil der Kinderbetreuung übernimmt und sich für alles verantwortlich fühlt. Da wird korrigiert, erklärt, verbessert und mitunter auch kontrolliert. Was macht das mit dem anderen Elternteil? Welche Gelegenheit hat dieser Mensch dann überhaupt noch, eigene Erfahrungen mit dem Kind zu machen, einen eigenen Weg zu finden und in die Verantwortung hineinzuwachsen? Und umgekehrt: Bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn mein Partner oder meine Partnerin mir nicht sagt, wie ich es machen soll? Kann ich mich auf mein Kind einlassen, mich mit seinen Bedürfnissen beschäftigen und aus meinen Erfahrungen lernen?
Dazu gehören Fehler, Unsicherheiten und wechselseitiges Feedback. Auch zwischen Eltern und Kindern!
Natürlich spreche ich hier von unterschiedlichen, verantwortbaren Arten, Elternschaft zu leben. Wenn ein Kind beschämt, eingeschüchtert, misshandelt oder anderweitig in seiner Integrität verletzt wird, braucht es Schutz und ein klares Eingreifen. Gewalt und Übergriffe sind keine Erziehungsstile, über die zwei Erwachsene auf Augenhöhe verhandeln müssen.
Wie können Eltern mit so unterschiedlichen Vorstellungen überhaupt einen gemeinsamen Weg finden?
Indem sie beginnen, einander wirklich zuzuhören. Und das ist viel schwieriger, als es klingt.
Wenn ich mit meinem Partner über das Familienbett diskutiere und innerlich schon damit beschäftigt bin, die besseren Argumente zu finden, werde ich wenig über ihn erfahren. Vielleicht habe ich Angst, dass unser Kind sich alleingelassen fühlt. Vielleicht hat mein Partner Angst, dass wir als Paar überhaupt keinen Raum mehr füreinander haben. Vielleicht steckt etwas ganz anderes dahinter.
Das werden wir nur herausfinden, wenn wir einander fragen und bereit sind, Antworten zu hören, die uns möglicherweise nicht gefallen. Ich lade Paare deshalb ein, schon während der Schwangerschaft, gerne auch davor, miteinander über ihre Vorstellungen von Elternschaft zu sprechen. Welche Erfahrungen aus meiner eigenen Kindheit möchte ich weitergeben? Was möchte ich auf keinen Fall wiederholen? Was ist mir besonders wichtig? Und warum?
Dabei geht es mir gar nicht darum, möglichst viele Fragen schon vor der Geburt zu klären. Wir wissen ja noch überhaupt nicht, welches Kind da zu uns kommt und wie wir uns als Eltern erleben werden. Mir gefällt das Bild des persischen Dichters Rumi von einem Feld jenseits von Richtig und Falsch, auf dem wir einander begegnen können. Dorthin möchte ich Paare einladen.
Jesper Juul hat einmal über den Dialog geschrieben, dass wir bereit sein müssen, etwas über uns selbst, den anderen und das Thema zu lernen. Besonders mag ich seinen Gedanken, dass wir uns dabei dem Risiko aussetzen müssen, klüger zu werden. Das bedeutet auch, die eigene Position infrage stellen zu können. Wie sicher bin ich mir eigentlich? Was weiß ich wirklich über mein Kind? Was glaube ich nur zu wissen? Und könnte der andere vielleicht etwas sehen, das ich bisher übersehen habe?
Ein solcher Dialog verlangt beiden etwas ab. Ich muss mich zeigen, mich verständlich machen und meinen Standpunkt vertreten. Und ich muss aushalten, dass mein Gegenüber eine andere Sichtweise hat.
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Ist ein Kompromiss dann die Lösung?
Das kommt darauf an, was wir unter einem Kompromiss verstehen. Ich halte wenig von einem halbherzigen „Na gut, dann machen wir es halt so!“, während sich einer innerlich zurückzieht und der andere glaubt, gewonnen zu haben. Solche Kompromisse haben häufig einen hohen Preis. Es bleibt Groll zurück, der bei der nächsten Gelegenheit wieder auftaucht.
Wenn wir uns auf etwas einigen, möchte ich, dass beide dahinterstehen können. Dazu gehört auch, dass ich weiß, welchen Preis meine Entscheidung hat und bereit bin, ihn zu tragen. Manchmal werden wir uns aber auch nach langen Gesprächen nicht einig. Dann stehen wir vor einer Realität, mit der wir umgehen müssen. Wir haben unterschiedliche Überzeugungen, vielleicht auch unterschiedliche Grenzen, und müssen herausfinden, welche Konsequenzen das für unser Zusammenleben und unsere Elternschaft hat.
Das kann frustrierend, enttäuschend und traurig sein. Besonders dann, wenn ich erkennen muss, dass mein Partner oder meine Partnerin in einer wichtigen Frage anders denkt, als ich es mir gewünscht hätte. Aber diese Unterschiede waren vielleicht schon immer da. Jetzt werden sie sichtbar.
Eine Enttäuschung ist auch das Ende einer Täuschung. Ich muss mich damit auseinandersetzen, wer dieser Mensch an meiner Seite tatsächlich ist, und mich fragen, wie ich mit ihm leben und Eltern sein möchte.
David Schnarch hat dazu einen Satz geschrieben, den ich sehr schätze: „Kommunikation ist keine Tugend, wenn man die Botschaft nicht ertragen kann. Die Botschaft aushalten zu können bedeutet, sich darüber im Klaren zu sein, wer man ist – oder wer man noch nicht ist.“
Für mich ist das eine große Entwicklungsaufgabe in der Paarbeziehung und in der Elternschaft. Wir werden immer wieder mit der Andersartigkeit des Menschen konfrontiert sein, mit dem wir unsere Kinder großziehen. Und unsere Kinder werden uns ebenfalls mit ihrer Andersartigkeit herausfordern.
Wir dürfen lernen, damit umzugehen, ohne uns selbst oder den anderen dabei verlieren zu müssen.
Über die Autorin
(c) Theresa Heiser-Pewal 2025
Sandra Teml-Wall ist Pädagogin, psychologische Beraterin, Einzel- und Paarcoach sowie Eltern- und Familienberaterin. Seit vielen Jahren begleitet sie Menschen in ihrer Wiener Praxis, der Wertschätzungszone, dabei, sich selbst und ihre Beziehungen besser zu verstehen und ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. www.wertschaetzungszone.at
Gemeinsam mit Jeannine Mik schrieb sie die SPIEGEL-Bestseller „Mama, nicht schreien!“ und „Keine Angst, Mama!“. Mit ihrem Mann Martin veröffentlichte sie 2023 das Buch „Ent-Eltert euch! Wie wir die emotionale Abhängigkeit von unseren Eltern überwinden und endlich uns selbst leben“.
Auf ihrem Instagram-Kanal @wertschaetzungszone zeigt Sandra mit humorvollen und augenzwinkernden Reels aus dem Familienalltag, wie sich differenzierungsbasiertes & beziehungsorientiertes Leben im Alltag gestalten lässt. Sie greift vertraute Situationen aus Elternschaft und Paarbeziehungen auf, in denen wir uns selbst wiedererkennen können, und lädt mit einer guten Portion Humor dazu ein, auf unsere eigenen Reaktionen und Beziehungsmuster zu schauen.
Sandra ist Mutter von drei erwachsenen Kindern, Bonusmutter von zwei erwachsenen Töchtern und inzwischen auch Großmutter. Sie lebt mit ihrem Mann Martin in einer Patchworkfamilie. Der emotionale Klimawandel in Familien liegt ihr seit vielen Jahren am Herzen. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich besonders mit Differenzierung: Wie können wir uns in emotional bedeutsamen Beziehungen als eigenständige Menschen zeigen, Verantwortung für uns selbst übernehmen und gleichzeitig in Verbindung bleiben?









