Gesund & Satt
Wenn ich laut werde - Über Tage, an denen es trotz aller Liebe zu viel wird
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Manche Tage beginnen wie ein Tornado. Noch bevor ich wach bin – manchmal noch bevor ich überhaupt richtig geschlafen habe – ruft schon jemand aus dem Kinderzimmer.
Die Kleine will auf den Arm. In der Küche kippt Apfelmus um. Der Deckel der Jausenbox ist verschwunden, jemand findet seine Socken nicht, jemand weint, jemand schimpft. Während ich versuche, das eine aufzufangen, passiert längst das Nächste. Innerhalb weniger Minuten ist alles gleichzeitig da: Geräusche, Bedürfnisse, Berührungen, Entscheidungen, Zeitdruck. Und ich mittendrin.

Ich wische auf, schneide Brote, suche, tröste, erinnere, schlichte. Nach außen sieht das nach einem ganz normalen Familienmorgen aus. In mir beginnt sich oft schon hier etwas aufzubauen. Es ist selten ein einzelner Moment, der solche Tage schwer macht. Es ist die Dichte. Das dauernde Umschalten. Dass ich von einer Sache in die nächste gehe, ohne innerlich nachzukommen. Mein Körper bleibt in Bereitschaft.
Wenn es im Inneren enger wird
Im Lauf des Tages wird es enger. Ich merke es daran, dass meine Antworten kürzer werden. Daran, dass sich die Mama-Rufe irgendwann wie Hammerschläge anfühlen. Und trotzdem gehe ich weiter durch den Tag, begleite weiter, halte weiter. Von außen ist oft kaum etwas zu sehen. In mir ist längst zu viel los.
Besonders deutlich spüre ich das an Tagen, an denen ich vieles alleine trage. Wenn niemand kurz übernimmt. Wenn der Tag einfach durchläuft und nirgends eine Pause entsteht. Dazu kommt das, was von außen oft unsichtbar bleibt: zu wenig Schlaf, ein Körper, der nicht ganz fit ist, zu viele Reize, zu viele Gedanken. All das läuft mit, auch wenn ich nach außen ganz normal wirke.
Wenn wenig plötzlich zu viel ist
Und irgendwann reicht dann wenig. Ein verschüttetes Glas. Noch ein Streit. Noch ein „Mama“. Noch eine Frage, während ich eigentlich schon nicht mehr kann. Dann kommt ein Moment, in dem mehr aus mir herausbricht, als zu dieser Situation passt. Ich werde laut. Oder ich höre an meiner Stimme, dass ich schärfer bin, als ich sein möchte. Manchmal steigen mir Tränen auf, weil ich in diesem Moment spüre, wie leer ich bin und dass gerade keine Zeit bleibt, mich wieder aufzufüllen – und genau das macht mich hilflos. Diese Momente tun weh. Weil ich meine Kinder liebe. Weil ich ihnen Halt geben möchte. Und weil ich selbst höre, dass ich gerade nicht so bin, wie ich sein möchte.

Was in solchen Momenten darunterliegt
Viele Eltern kennen diese Spannung: nach außen weiterzumachen, obwohl innen längst alles im roten Bereich ist. Tage, an denen man so lange durchhält, bis man nur noch reagiert – aus Überreizung, aus Erschöpfung, aus einem Zuviel, das sich in vielen kleinen Momenten aufstaut.
In solchen Momenten geht es um mehr als Ungeduld. Zu wenig Schlaf, zu viele Reize, keine Pause, ständig in Bereitschaft – all das läuft oft längst mit, bevor es kippt. Der Tag geht weiter, die Kinder brauchen etwas, und die eigene Grenze wird immer schwerer spürbar. Lautwerden entsteht oft nicht aus dem, was gerade eben passiert ist, sondern aus etwas, das sich schon lange aufgebaut hat.
Was Kinder dann brauchen
Trotzdem bleibt etwas klar: Meine Kinder dürfen meine Überforderung nicht tragen. Sie können nichts dafür, dass ich erschöpft bin. Nichts dafür, dass mir alles zu viel geworden ist. Meine Verantwortung beginnt dort, wo ich merke: Es war zu viel. Ich war zu laut. Gerade dann ist es wichtig, wieder auf mein Kind zuzugehen. Mich zu entschuldigen. Zu benennen, was passiert ist.
- “Ich war gerade überfordert.”
- “Ich war zu laut."
- “Das tut mir leid."
- “Du bist nicht schuld.”
Solche Sätze können wieder etwas zurechtrücken. Sie nehmen meinem Kind die Last, etwas mit sich in Verbindung zu bringen, das nichts mit ihm zu tun hat. Und sie helfen auch mir, Verantwortung zu übernehmen.
Was daraus folgen kann
Dass uns solche Momente passieren, gehört zum Menschsein. Wenn wir müde sind, krank oder überlastet, kann es sein, dass wir lauter werden, als wir es wollen. Das macht uns nicht zu schlechten Eltern. Es zeigt, dass wir an einer Grenze angekommen sind. Wirklich wichtig wird es dort, wo solche Situationen häufiger werden. Dann reicht Zusammenreißen auf Dauer nicht mehr. Dann braucht es Entlastung. Menschen, die mittragen. Klare Absprachen. Manchmal auch den Mut, Hilfe wirklich anzunehmen. Partner, Großeltern, Freunde, Nachbarn, Kindergarten – was immer im eigenen Leben erreichbar ist und ein wenig Raum schaffen kann.
Pausen sind kein Luxus. Sie sind eine Voraussetzung dafür, liebevoll bleiben zu können. Kinder brauchen keine fehlerlosen Eltern. Sie brauchen Erwachsene, die bereit sind hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen und für sich selbst mitzusorgen. Denn genau dort beginnt Veränderung.
Über die Autorin

Ulli Greifenstein ist Mama von drei Kindern, psychosoziale Beraterin und Diplomkrankenschwester auf einer Wochenbettstation. Auf www.ichzumir.com schreibt sie
über Selbstkontakt, Beziehungen und innere Klarheit.
Instagram: @ich.zu.mir






