Gesund & Satt
„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!" – Warum wir manchmal klingen wie unsere Eltern
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Du sitzt am Esstisch. Dein Kind – fünf Jahre alt, quengelig, müde – schmeißt die Gabel hin und sagt: „Das schmeckt mir nicht." Und du hörst dich sagen: „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt." Eine Sekunde Stille - woher kam das gerade?

Das hast du nicht geplant. Und auch nicht gewollt. Es ist einfach raus. Mit genau diesem Tonfall, mit genau der gleichen Härte und vielleicht sogar mit den exakt gleichen Worten, die du als Kind selbst gehört hast – und die dich damals klein gemacht haben.
Das ist kein Versagen. Das ist Prägung. Wir alle tragen die Art, wie wir erzogen wurden, tief in uns und sie kommt häufig genau dann hoch, wenn wir müde, gestresst oder überfordert sind.
Der emotionale Grundton
Was ein Kind wirklich prägt, ist der emotionale Grundton einer Familie. Kinder lernen nicht durch das, was wir ihnen erklären. Sie lernen durch das, was sie täglich erleben. Durch die emotionale Qualität dessen, was zwischen Kind und Eltern geschieht. Kein Mantra und kein bloßes Wissen kann ersetzen, was dein Kind jeden Tag im Kontakt mit dir erfährt.
Es sind die unausgesprochenen Regeln darüber, welche Gefühle sein dürfen und welche nicht. Was einen Menschen stark macht und was schwach. Was zur Sprache kommt, und was verschwiegen wird. Diese Botschaften werden selten laut ausgesprochen. Sie werden gelebt. Tag für Tag. Und sie graben sich tiefer ein, als wir ahnen.
Diese Botschaften senden wir meist unbewusst. Ohne Absicht und ohne es zu merken.
Reagiere ich gerade auf mein Kind – oder auf meine eigene Geschichte?
Ein Beispiel: Annas Tochter ist sieben Jahre alt. Sie kommt nach Hause, lässt den Rucksack fallen und fängt an zu weinen. Die beste Freundin war heute gemein zu ihr. Anna hört aufmerksam zu und sagt dann fast automatisch: „Das wird schon wieder. Kopf hoch. Morgen ist alles vergessen."
Die Tochter schluckt, trocknet die Tränen und nickt.

Anna spürt, dass etwas nicht stimmig ist. Was ihr nicht bewusst ist: In diesem Moment reagiert sie nicht auf ihre Tochter, sondern auf ihr eigenes Unbehagen beim Anblick von Schmerz und Trauer.
Auch Anna wurde als Kind ausgeschlossen und damals hat ihr niemand Raum für diesen Schmerz gegeben. Sie lernte: Nicht weinen. Weitermachen.
Ihre Tochter wollte nicht, dass Anna das Problem löst. Sie wollte, dass Anna bleibt. Dass sie den Schmerz gemeinsam aushält, ohne ihn sofort wegzumachen.
Aber genau dieses echte Aushalten von starken Gefühlen wurde Anna selbst nie beigebracht. Das ist das Muster, das sich wiederholt. Nicht aus böser Absicht, sondern weil wir nur weitergeben können, was wir selbst kennen.
Hinsehen statt verurteilen
Wer sich seiner Prägungen bewusst wird, hat schon den wichtigsten Schritt gemacht. Viele Eltern wollen es anders machen: mehr Geduld, mehr Ruhe. Und dann passiert es trotzdem wieder. Der gleiche Tonfall, die gleiche Härte oder das gleiche Schweigen.
Nicht weil der Wille fehlt, sondern weil das Gehirn unter Stress auf das zurückfällt, was es als Kind gelernt hat.
Sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, bedeutet nicht, die eigenen Eltern zu verurteilen. Es bedeutet: Ich schaue hin. Welche Gefühle hatten bei mir Raum? Wie sah Nähe aus? Wie wurde mit Konflikten umgegangen? Denn oft braucht unser Kind genau das, was wir selbst nie bekommen haben.
Der Moment der alles verändern kann
Vielleicht kennst du solche Situationen auch.
Du reagierst – und gleichzeitig ist da dieser kleine Moment von Klarheit:
Das bin eigentlich nicht ich. So will ich nicht reagieren.
Dieser Moment ist kein Rückschritt.
Er ist der Anfang von Bewusstheit.
Nimm dir heute einen kurzen Moment Zeit und frage dich ehrlich: Was hättest du als Kind gebraucht?
Jemanden, der bleibt, wenn du weinst?
Jemanden, der deine Wut und Traurigkeit aushält, ohne sie klein- oder wegzumachen?
Jemanden, der dich fühlen lässt: Ich sehe dich. Das darf sein. Du bist okay so wie du bist.
Was du heute anders weitergeben kannst
Die Erkenntnis über die eigene Prägung kann sich schwer anfühlen. Aber sie ist der Schlüssel zur Freiheit. Wenn du merkst, dass du in alte Muster fällst, ist das kein Versagen, sondern ein wertvoller Moment der Bewusstwerdung.
Wir wurden alle geprägt. Tief, leise und oft, ohne es zu merken. Nicht nur durch große Dramen, sondern durch das, was täglich passierte. Durch das, was gefühlt werden durfte – und was nicht. Durch Schweigen, das lauter war als Worte.
Unsere Kinder werden heute genauso geprägt. Von uns. Jeden Tag in den kleinen, unscheinbaren Momenten des Alltags. Die Frage ist nicht, ob wir sie prägen – sondern wie.
Genau hier beginnt die eigentliche Veränderung.
Wer anfängt, die eigene Geschichte zu verstehen, gibt seinem Kind etwas weiter, das kein Ratgeber der Welt ersetzen kann: einen Elternteil, der sich selbst kennt. Der nicht aus alten Wunden heraus reagiert, sondern wirklich präsent ist. Der den Kreislauf durchbricht – für sich, und für die nächste Generation.
Veränderung beginnt dort, wo wir aufhören zu funktionieren und anfangen zu fühlen. Wenn du diesen Weg nicht alleine gehen möchtest, bin ich gerne an deiner Seite.
Über die Autorin

Elisabeth Kwauka ist psychologische Beraterin und Psychotherapeutin in Ausbildung mit Schwerpunkt Innere-Kind-Arbeit. Sie begleitet dich dabei, deine Prägungen zu verstehen, besonders in Momenten, in denen dich starke Gefühle im Alltag immer wieder einholen.
In der 1:1 Begleitung unterstützt sie dich, aus alten Mustern auszusteigen, dich selbst wieder klarer zu spüren und mehr Ruhe und Verbindung in dein Leben zu bringen.
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