Gesund & Satt

Gastbeitrag von Dr. Barbara Pramböck, Herzsprech. Ein Kind verändert das Leben – und häufig auch die Rollen in einer Partnerschaft stärker, als man vorher gedacht hätte.

Vielleicht waren Einkauf, Kochen, Putzen und Wäsche vor der Geburt einigermaßen gerecht verteilt. Mit einem Baby kommen unzählige neue Aufgaben hinzu – und vor allem eine neue Form von Verantwortung: Wer weiß, wann die nächste Untersuchung ansteht? Wer bemerkt, dass die Windeln ausgehen? Wer recherchiert Kinderbetreuung und denkt daran, was morgen gebraucht wird?

Noch gar nicht eingerechnet ist dabei die in den ersten Jahren nahezu ständige emotionale und körperliche Verfügbarkeit der Hauptbezugsperson – nach wie vor meist der Mutter. Aus „Wir machen beide viel“ kann so unbemerkt ein „Ich muss an alles denken“ werden – häufig zusätzlich zur Erwerbstätigkeit.

Wie stark sich die Rollen mit Kindern verschieben, zeigt die jüngste österreichische Zeitverwendungserhebung 2021/22*. Frauen unter 65 mit Kindern verbringen durchschnittlich 5 Stunden und 38 Minuten täglich mit unbezahlter Arbeit, Männer 2 Stunden und 57 Minuten. Selbst wenn die Frau ein höheres Erwerbsausmaß hat als ihr Partner, übernimmt sie in verschiedengeschlechtlichen Paarhaushalten mit Kindern im Durchschnitt noch 56,4 Prozent der Kinderbetreuung.

Gastbeitrag Mental Load Erwerbstaetigkeit(c) Getty Images

Wenn der Kopf nie wirklich Pause hat

Mental Load geht über die sichtbare Arbeit hinaus. Er bezeichnet die unsichtbare mentale und emotionale Organisationsarbeit: Planen, Erinnern, Vorausdenken und Verantwortlich-Sein – dafür, dass der Familienalltag läuft und häufig auch, dass die Familie emotional in Balance bleibt.

Problematisch wird diese Belastung, wenn kaum noch echte Erholung möglich ist. Warnzeichen können Gereiztheit, Schlaf- und Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Gedankenkreisen, innere Unruhe, Rückzug, emotionale Erschöpfung oder körperliche Beschwerden sein.

Gastbeitrag Mental Load Ueberforderung(c) Getty Images

Das wirkt sich auch auf die Beziehung zum Kind aus: Je weniger Kraft mir bleibt, desto schwieriger wird es, Kinder gerade in herausfordernden Momenten gut zu begleiten.

Diese Themen begegnen mir in meiner psychosozialen Praxis und Elternberatung regelmäßig. Bei länger anhaltender Überlastung können sich burnoutähnliche Symptome, depressive Verstimmungen oder Ängste entwickeln. Spätestens dann geht es nicht mehr darum, den Alltag einfach besser zu organisieren.

Warum Mental Load primär ein Frauenthema ist

Wie tief die Geringschätzung von Care-Arbeit gesellschaftlich noch sitzt, zeigte kürzlich eine Aussage von Bundeskanzler Christian Stocker. Er sagte zunächst, Kinderbetreuung sei für ihn keine Arbeit. Nach Kritik entschuldigte er sich und revidierte seine Aussage.

Auch Barbara Blaha zeigt in „Funkenschwestern“ anhand zahlreicher Studien und Daten, wie weit wir von tatsächlicher Gleichstellung entfernt sind. Selbst wenn Frauen mehr arbeiten oder besser verdienen als ihre Partner, übernehmen sie einen größeren Teil der Care- und Haushaltsarbeit – mit Folgen für Einkommen, Freizeit, Erholung und Gesundheit. Warum? Vielleicht weil Frauen stärker gelernt haben, sich für den Zustand des Zuhauses verantwortlich zu fühlen. Das Phänomen dahinter heißt Affordanz: Dinge können einen Handlungsimpuls auslösen – und das tun sie bei ungewaschener Wäsche eher bei Frauen als bei Männern. Zudem kann die Wahrnehmung des eigenen Zuhauses als unordentlich oder überladen bei Frauen mit ungünstigeren Stressprofilen zusammenhängen.

Ein wohlmeinendes „Dann lass die Wäsche doch einfach liegen“ greift deshalb zu kurz. Denn da liegt nicht nur Wäsche. Da liegen auch gesellschaftliche Prägung und unsere eigene Familiengeschichte.

Dabei ist die Geschichte der „guten Hausfrau und Mutter“ gar nicht so alt, wie die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes in „Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung“ zeigt. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das bürgerliche Hausfrauenideal, bei dem Ehefrauen zunehmend Tätigkeiten übernahmen, die zuvor gegen Bezahlung ausgelagert worden waren.

Dieses Bild prägt unsere Vorstellungen jedoch bis heute.

Wenn gesellschaftliche Erwartungen zu inneren Antreibern werden

Rollenbilder existieren nicht nur „da draußen“. Wir tragen sie auch in uns – über unsere kollektive Geschichte und weitergegeben innerhalb unserer Familie. Was wurde in der Familie darüber vermittelt, wie eine „gute Mutter“ zu sein hat? Wer war dafür verantwortlich, dass es allen gut geht? Wie war die Rollenverteilung? Wer durfte sich ausruhen? Wer musste funktionieren?

Daraus können innere Sätze entstehen wie: „Ich muss das alleine schaffen.“ „Ich bin verantwortlich.“ „Die Bedürfnisse der anderen kommen zuerst.“ „Erst wenn alles erledigt ist, darf ich mich ausruhen.“ Das Wissen darum ist ein wichtiger erster Schritt aus der Mental-Load-Falle. Denn wir müssen nicht einfach nur „besser organisieren“ oder „delegieren“ lernen. Manchmal dürfen sehr alte kollektive und individuelle Muster wahrgenommen und verändert werden.

Was kann wirklich entlasten?

1. Erst verstehen, dann verändern

Beobachte dein „Ich muss“ neugierig: Woher kenne ich diesen Anspruch? Was befürchte ich, wenn ich ihm nicht entspreche? Welche Vorstellung einer „guten Mutter“ steckt dahinter? Ist dieses „Ich muss“ wirklich meines – oder erkenne ich darin vielleicht meine Mutter oder Großmutter wieder?

2. Der Erschöpfung Raum geben

Erst wenn wir innehalten und uns wieder spüren, kann Veränderung beginnen. Achtsamkeitsübungen können helfen. Manchmal braucht es aber ein Gegenüber und einen geschützten Raum, in dem die Erschöpfung da sein darf und Zusammenhänge sichtbar werden. Das kann psychosoziale Beratung, ein Frauenkreis oder eine gut moderierte Mama-Gruppe sein.

3. Den Partner wissen lassen, wie es dir wirklich geht

Wenn der eigene Anspruch lautet, alles alleine schaffen zu müssen, kann es schambehaftet sein, Überforderung zu zeigen. Wissen über Mental Load kann helfen, darüber ins Gespräch zu kommen. Manchmal kann auch Paarberatung sinnvoll sein.

4. Mental Load sichtbar machen und Verantwortung (nicht Aufgaben) teilen

Haltet nicht nur fest, wer putzt, kocht oder einkauft, sondern auch, wer bemerkt, plant und erinnert. Verteilt möglichst ganze Verantwortungsbereiche. „Sag mir, was ich tun soll“ entlastetn vom Tun – aber nicht vom Denken.

5. Das eigene Umfeld achtsam gestalten

Welche Menschen tun mir gut – und wo entsteht Konkurrenzdruck um Kindergeburtstage, Jausenboxen oder Entwicklungsschritte? Welche Social-Media Kanäle, Zeitschriften oder TV- Formate entlasten mich, welche vermitteln mir, eine noch bessere Mutter, Partnerin und Hausfrau sein zu müssen? Und wie bewerte ich selbst andere Mütter?

6. Eigene Bedürfnisse wieder wahrnehmen

Was brauche eigentlich ich? Wo überschreite ich meine Grenzen? Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein meine? Selbstfürsorge ist nicht das nächste Wellnessprogramm auf der To-do-Liste. Sie bedeutet, die eigenen Bedürfnisse wieder genauso ernst zu nehmen wie die der anderen.

Mental Load lässt sich nicht lösen, indem wir noch effizienter funktionieren oder uns vornehmen, einfach lockerer zu werden. Es geht darum zu verstehen, warum wir so viel tragen. Dieses Wissen kann der Anfang sein, Schritt für Schritt alte Muster zu verändern, Verantwortung tatsächlich zu teilen – und wieder mehr Raum für Ruhe, Verbindung und das eigene Leben zu schaffen.


Über die Autorin

Gastautorin Barbara Pramboeck

Dr. Barbara Pramböck begleitet in ihrer Praxis Herzsprech Frauen, Eltern und Familien mit systemischer psychosozialer Beratung. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darauf, nicht nur aktuelle Belastungen zu betrachten, sondern auch familiäre und transgenerationale Muster sichtbar zu machen und neue Wege im Umgang damit zu entwickeln.

Wenn du dich in diesem Artikel wiedergefunden hast und dir mehr Entlastung, Klarheit und Raum für dich selbst wünschst, findest du auf www.herzsprech.at weitere Impulse, Blogartikel und Informationen zu Barbaras Beratungsangebot.


 * STATISTIK AUSTRIA, Zeitverwendung 2021/22, S. 86, Online verfügbar am 02.09.2026: Link

„In Grafik 50 wird ersichtlich, dass erwachsene Frauen unter 65 Jahren mit Kind(ern) rund 65% ihrer Gesamtarbeitszeit für unbezahlte Arbeit (5 Stunden und 38 Minuten) aufwenden und rund 35% für Erwerbstätigkeit (3 Stunden und 1 Minute). Für erwachsene Männer unter 65 Jahren mit Kind(ern) dreht sich dieses Verhältnis um. Sie wenden rund 65% der Gesamtarbeitszeit für Erwerbstätigkeit (5 Stunden und 38 Minuten) und rund 35% für unbezahlte Arbeit (2 Stunden und 57 Minuten) auf.“

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