Gesund & Satt
Hilfe - mein Kind beisst, haut und zwickt mich
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Auf der einen Seite kuscheln die Kleinen total gerne, aber eine falsche Bewegung und sie kriegen sprichwörtlich einen „Nervenzusammenbruch“. Wenn sie dann nicht mehr wissen wohin mit den Gefühlen, kann es schon einmal passieren, dass gezwickt, gebissen oder getreten wird. Warum das so ist und wie wir Eltern am Besten mit diesem Verhalten umgehen können? Ich habe zu diesem Thema mit Viktoria Kindermann ein Interview geführt. Sie ist Psychologin, Pädagogin und begleitet Familien in allen Formen.
Beissen, hauen & Zwicken: Woher kommt das?
Kinder zwischen null und drei Jahren entwickeln sich rasant, sowohl körperlich als auch emotional. Gleichzeitig sind ihre sprachlichen und sozialen Fähigkeiten noch unausgereift. Da kann es schon einmal passieren, dass wir vom eigenen Kind gebissen, getreten oder gezwickt werden. Jedoch ist es in diesem Alter völlig „normal“, dass die Kinder so reagieren. Die Ursachen dafür können vielfältig sein:
- Kinder können oft noch nicht in Worte fassen, was sie fühlen, denken oder brauchen und greifen daher auf körperliche Handlungen zurück. Beissen, Hauen und Zwicken können demnach den Zweck von Kommunikationsversuchen erfüllen.
- Kinder können in diesem Alter emotional schnell überfordert sein. Wut, Frustration oder Angst können dann dazu führen, dass Kinder impulsiv reagieren.
- Machen Kinder Entwicklungsschritte, so verstehen sie ihre Welt immer wieder neu und anders. Dinge, die bisher gegolten haben sind nun möglicherweise nicht mehr passend und ein neues Verständnis von zB Regeln entsteht. Sie probieren dann vermehrt ihre Grenzen aus und erkunden, wie ihre Handlungen die Umwelt beeinflussen.
- Kleine Kinder sind noch unreif in ihrer Selbstregulation. Die Fähigkeit, Emotionen und Impulse zu kontrollieren, entwickelt sich erst nach und nach.
- Explorationsverhalten – eigene und fremde Körpergrenzen kennenlernen, Reaktionen erleben, genauso wie Ursache und die daraus entstehende Wirkung werden ausprobiert
Meist sind diese Verhaltensweisen in diesem Alter oft Ausdruck innerer Not oder Überforderung, aber keine bewusste Bosheit.
Ab wann muss ich mir "Sorgen" machen?
- Wenn das Verhalten über längere Zeit sehr extrem ist (z. B. ständiges aggressives Verhalten ohne erkennbaren Auslöser).
- Wenn das Kind zunehmend selbstverletzenden Tendenzen zeigt (zB Kind schlägt mit Kopf gegen die Wand, kratzt od. beißs sich selbst blutig,…).
- Es mit anderen auffälligen Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensproblemen einhergeht.
- Es nicht gelingt, das Verhalten durch zugewandte Begleitung und Orientierung zu beeinflussen.
- Wenn dem Kind andere Ausdrucksmöglichkeiten fehlen.
- Wenn es in allen Lebensbereichen vorkommt.
Sollte einer der oben genannten oder mehrere Punkte auf dein Kind zutreffen, kann eine kinderärztliche und/oder psychologische Abklärung helfen. Es ist keine Schande um Hilfe zu fragen – auch präventiv, bevor du dir ständig Sorgen machst.
Wie können wir als Elternteil am Besten damit umgehen, wenn mein Kind das bei mir (Mama/Papa) macht?
- Auch wenn es manchmal schwerfällt und viel eigene Selbstregulation erfordert, ist es hilfreich als Gegenüber Klarheit und Ruhe zu bewahren. Eine bestimmte, aber ruhige Reaktion hilft mehr als unkontrolliertes Schimpfen. Laut der Psychologin; Frau Kindermann, sind körperliche Strafen nicht nur nicht hilfreich bzw. kontraproduktiv, sondern zudem gesetzlich verboten (Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung).
- Bindungsorientiert und zugewandt zu erziehen heißt dabei nicht, dass man keine Grenzen setzen darf – ganz im Gegenteil. Grenzen geben dem Kind Orientierung und Struktur. "Ich lasse nicht zu, dass du mich beißt. Das tut mir weh."
- Viele Kinder in diesem Alter haben noch kein großes Repertoire an Möglichkeiten und Strategien sich auszudrücken. Hier kannst du deinem Kind Alternativen anbieten, zB „Sag mir, wenn du wütend bist.“
- Und nicht zuletzt: Kinder lernen am Modell. Erleben Kinder, wie Eltern selbst Konflikte ruhig und respektvoll lösen, so können sie sich am Vorbild der Erwachsenen orientieren und eigene Wege erlernen.
Wie kann ich damit umgehen, wenn die Kinder untereinander sich wehtun?
Folgende Lösungsansätze bietet Frau Kindermann hier an:
- Eingreifen, ohne zu bewerten, präsent sein, benennen: "Ich sehe, ihr streitet euch um das Spielzeug. Beide wollen es haben." Oder: „Du findest das unfair.“
- Wenn nötig, ein Kind körperlich begrenzen indem es zB sanft zurückgehalten wird, um Verletzungen zu vermeiden.
- Lösungen fördern: „Ihr könnt euch abwechseln oder wir suchen eine andere Lösung.“
Was tun, wenn mein Kind einen anderen Erwachsenen beisst oder zwickt?
Auch hier sollte eine klare Grenze gesetzt werden, verbal und/oder durch eine Handlung. Bei Bedarf kannst du die Situation unterbrechen, zB indem du mit deinem Kind in einen anderen Raum gehst (oder der Erwachsene die Situation verlässt). Schimpfen und Reflektieren in der Situation sind meist nicht hilfreich. Ist dein Kind in einem emotionalen Ausnahmezustand oder überfordert, so kann es das Gesagte nicht aufnehmen.
Sinnvoller ist es, das Verhalten dann zu benennen und nach zu besprechen, sobald sich dein Kind beruhigt hat, ohne es zu beschämen oder persönlich anzugreifen. „Das war nicht in Ordnung, dass du gebissen hast.“ Danach kann ein Elternteil dem Kind helfen, sich zu entschuldigen, ohne es zu zwingen. Wenn du die Situation mit deinem Kind besprichst, dann kannst du durch nachfragen herausfinden, warum dein Kind so reagiert hat und nächstes Mal präventiv handeln. Damit dein Kind nicht wieder in diese Situation gerät.
Wie gehe ich am besten mit der Situation um, wenn mein Kind in seiner Wut oder Traurigkeit „feststeckt“ und wie kann ich meinem Kind lernen sich zu regulieren?
- Deinem Kind sollten die Emotionen nicht abgesprochen, sondern zugestanden werden. "Du bist gerade sehr wütend, weil du das nicht willst."
- Auch wenn es manchmal schwerfällt, hilft es, ruhig und konsequent zu bleiben.
- Steckt ein bestimmter Auslöser hinter der Wut, so kann diese benannt werden. „Du bist wütend, weil du noch hierbleiben möchtest.“ Langatmige Erklärungen überfordern dein Kind jedoch häufig, vor allem in der akuten Situation. Hier ist es oft hilfreicher monoton und mit ruhiger, eher tiefer Stimme eine kurze Botschaft zu formulieren und bei Bedarf wie ein Mantra zu wiederholen. „Wir gehen jetzt nach Hause.“
- Berührungen in einer Konfliktsituation sind für manche Kinder hilfreich, für manche aufwühlend. So empfinden manche Kinder Umarmungen in diesem Moment als unangenehm. In diesem Fall kannst du Nähe verbal oder durch eigene ruhige Präsenz signalisieren.
- Lässt du dich von dem Verhalten deines Kindes – mitreißen, so geht ihr meist (gemeinsam) unter. Um dem Kind Sicherheit zu bieten ist es jedoch wichtig, dass ihm das Gefühl vermittelt wird, dass du als Elternteil die Situation im Griff hast, auch wenn es selbst gerade außer Kontrolle ist.
- Geduld haben und eigene Akkus auffüllen: Selbstregulation ist ein Lernprozess, der Zeit braucht – und von Eltern häufig als herausfordernd und zehrend erlebt wird. Sich selbst etwas Gutes zu tun, die Akkus aufzuladen stärkt das Wohlbefinden der Eltern und damit auch deren Selbstregulationsfähigkeit.
- Vorbildwirkung - Fehler vor dem Kind zugeben: Sich beim Kind entschuldigen, wenn wir vlt. selbst einmal aus Überforderung oder Überlastung über die Grenzen des Kindes gegangen ist („Es tut mir leid, dass ich vorhin geschrien habe. Das war nicht in Ordnung.“).
Kann präventiv gearbeitet werden, dass es gar nicht zu diesen Wutanfällen kommt?
- Bis zu einem gewissen Grad sind Wutanfälle völlig normal. Darüber hinaus entwickeln sich Kinder unterschiedlich schnell und bringen ganz verschiedene Voraussetzungen (Persönlichkeit, Erfahrungen, etc.) mit. So kann es demnach an ganz verschiedenen Dingen liegen, wenn ein Kind stärker zu Wutanfällen tendiert als gleichaltrige Kinder. Prinzipiell sind Wutanfälle kein Zeichen schlechter Erziehungsleistung. Auch wenn du „alles richtig“ machst, kann das Kind verstärkte Schwierigkeiten in der Regulation von Emotionen haben. Abgesehen davon kannst du dein Kind dennoch durch ein paar Dinge im Rahmen seiner Möglichkeiten in der Entwicklung seiner Emotions- und Impulskontrolle unterstützen.
- Erst wer Emotionen registrieren und benennen kann, kann lernen sie zu steuern und zu regulieren. Hilfst du dem Kind früh, Gefühle wie Wut oder Frustration zu erkennen und zu benennen, kann frühzeitig ein Wortschatz dafür angelegt werden und so der Grundstein für Emotionsregulation gelegt werden.
- Klare Tagesabläufe, Rituale und Strukturen können Sicherheit geben und Überforderung vermeiden.
- Wir Erwachsenen kennen das auch von uns: Bei Übermüdung und Überreizung leidet die Selbstregulation und sollte daher nach Möglichkeit vermieden werden. Hilfreich ist auch, die Anforderungen im Alltag und an das Erziehungsverhalten nicht allzu hoch zu setzen und sich vorab darüber im Klaren zu sein, welche Konflikte es sich wirklich lohnt auszutragen. "Choose your battles wisely."
- Durch den alltäglichen Umgang bildet das Kind Konzepte, wie Situationen funktionieren. Wenn du dein Kind in verschiedenen schwierigen Situationen (z. B. beim Teilen) begleitest, so kann es die erlernten Strategien aus dieser Erfahrung mit der nötigen Reife auch auf andere Probleme anwenden.
Warum machen das manche Kinder und andere nicht? Habe ich etwas falsch gemacht?
Unter der Voraussetzung, dass das Kind Grenzen kennengelernt und das Verhalten nicht am Vorbild gelernt hat, stellt Psychologin Kindermann klar: Nein, das ist kein Zeichen elterlichen Versagens. Jedes Kind ist individuell, und Temperament, Entwicklungsstand und Erfahrungen spielen eine Rolle. Manche Kinder haben aus verschiedenen Gründen stärkere Impulse als andere oder reagieren sensibler auf äußere Reize. Wichtig ist, dass Kind zu begleiten und dabei zu unterstützen, diese Impulse zu regulieren und es mit seinen Gefühlen und in seinem Verhalten nicht alleine zu lassen.
Du möchtest mehr zu diesem Thema wissen oder einen Beratungstermin mit Viktoria Kindermann machen? Hier kannst du mit ihr in Kontakt treten.
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